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Die 2 1/2 Wochen seit meinem letzten Blogeintrag könnten schon schon fast ein ganzes Buch ergeben, wenn ich alles aufschreiben würde.

Knapp 2 Wochen lang bin ich an jedem Werktag (Samstag bis Mittwoch) nach Old Cairo gefahren und habe bei El - Nafeza mitgearbeitet. Ich wollte, dass die Leute mich kennenlernen und ich sie kennenlerne. Sie haben eine Bestellung aus USA in Produktion. Ausserdem stellten sie Weihnachtsgirlanden auf Vorrat her. Da habe ich also Tannenbäumchen, Sterne, Monde und Herzen ausgeschnitten 😂. Eine schöne, würfelförmige Schachtel, die ich vor Jahren für meine Papiermaché Kurse entwickelt hatte, habe ich nachgebaut. Die El - Nafeza Leute können sie in ihre Produktepalette aufnehmen, wenn sie wollen. Sie sind stets auf der Suche nach neuen Ideen.

Etwa nach einer Woche haben sie darauf bestanden, dass ich Papier schöpfe und mit Tee als Farbe experimentiere. Die Papierherstellung geht so:

Der Reisstroh wird einige Tage in einer wassergefüllten Grube eingeweicht. Das ergibt eine halbverrottete, nach Gülle stinkende Angelegenheit. Diese wird dann mit neuem Wasser in ein halbiertes Ölfass gefüllt und etwa 5 Stunden gekocht.

 

In weiteren mühsamen Prozessen  wird die Masse mit Füssen getrampelt, gespült, mechanisch in Fasern zerteilt, wieder gespült und mit Füssen getrampelt, bis das aus der Masse austretende Wasser klar ist. Nun ist der Papierbrei bereit zu Blättern geschöpft zu werden. In diesem Fall haben sie Farbe zugegeben und blaues Papier gemacht.  

Mit Enas habe ich meine Idee für eine Kairopapierskulptur besprochen. Gleich sind wir zum Töpfer nebenan gegangen um zu fragen, ob er eine Grundform nach meiner Vorstellung machen kann. Er war einverstanden und Mitte letzter Woche hat er die Form getöpfert. Morgen oder übermorgen soll sie fertig sein. Ich bin gespannt. 

Um das Papier auf meine gewohnte und für meine Arbeit benötigte Art zu schöpfen und zu bearbeiten, brauche ich allerdings noch ein paar in Kairo ungewöhnliche Materialien, wie Filz und Schablonenpinsel.

Der Versuch diese Sachen zu finden und zu kaufen ist eine Story für sich.

Der gehörlose Mahmud wusste angeblich, in welchem Stadtteil und auf welchem Markt so was zu finden ist - nämlich in Ataba. Er, Randa, sie kann hören und sprechen und kann auch ziemlich gut englisch, und ich sind also eines Tages um 16 Uhr los. Um nach Ataba zu gelangen, nahmen wir den Bus. Das war vielleicht ein Erlebnis! Im ruhigen, koptischen Viertel Fustat gings ja noch, wie aber der  Bus sich dem Zentrum näherte und der Verkehr dichter wurde wars dann schon etwas exotisch mit der Busfahrt. Öfter musste der Fahrer die Spur wechseln, sei es zum Abbiegen oder zum Überholen und das war dank teilweises stockendem Verkehr jeweils ein einziger Verdrängungswettbewerb. An einer Stelle drängte der Bus nach rechts, cm für cm. Die Kolonne rechts vom Bus war eingekeilt zwischen unserer Kolonne und einer Mauer. Unser Bus drängte immer mehr nach rechts und das vorderste Auto rechts vom Bus wurde allmählich zwischen Bus und Mauer eingeklemmt. Ich habe es erst realisiert, als laute Faustschläge auf Blech an der rechten Seite des Busses erdröhnten. Der Autofahrer fluchte schreiend aus dem offenen Fenster. Der Busfahrer flucht zurück und nun wurde es dem Automobilisten zu bunt. Er stieg aus, kam nach vorn, zur offenen Bustüre und stauchte den Busfahrer persönlich zusammen. In dem Moment setzte sich die Kolonne wieder in Bewegung und der Bus fuhr los. So weiss ich nun nicht was aus dem Autofahrer wurde. Zum Ganzen muss man sich noch unablässiges Hupen und dichte, schwarze Abgaswolken vorstellen.

In Ataba angekommen, sprangen wir aus dem langsam weiterfahrenden Bus und tauchten ein in ein Gewirr von Gassen und Läden und Werkstätten. Ausser uns bewegten sich da tausende von anderen Käufern und Waren wurden auf Schubkarren angeliefert oder aufgestapelt auf einem Kopf transportiert. Wir fragten uns durch nach Schablonenpinseln und Filz. Jeder hatte eine Idee und eine Wegbeschreibung um 7 Ecken zu einem Laden, der sowas wahrscheinlich im Angebot haben könnte. Wenn wir dann im entsprechenden Laden nachfragten gabs bedauerndes Kopfschütteln und neue Vorschläge und Wegbeschreibungen um 7 Ecken. Wenn ich da ohne ortskundige Führung gewesen wäre, würde ich wohl heute noch durch diese Gassen irren.

Also kurz und gut, in einem einzigen Lädchen erhielten wir ein 3er Set niedliche, kleine Schablonenpinselchen. Die habe ich gekaufte um wenigstens einen Anfang machen zu können. 2 Ecken weiter gabs dann eine Gasse mit Stoffen und jeder Laden hatte Filz in allen Farben. Aber leider ist der aus Polyester und ich war skeptisch ob es damit funktioniert. Vom dicksten Filz den ich finden konnte kaufte ich ein paar Meter um mal damit zu probieren.

Am folgenden Tag hat sich meine Befürchtung wegen dem Kunstfaserfilz bestätigt. Es war fast unmöglich das frischgeschöpfte Blatt Papier auf den Filz zu übertragen. Er saugt kein Wasser und das Blatt bleibt am Schöpfsieb kleben. Mal schauen, ob und wie ich das hinkriege.

Auch hier auf der Insel ist der Alltag mit Hindernissen gespickt. Für 2 Tage hatten wir keinen Internetzugang, irgendwas war am "Telefonkabel" kaputt gegangen. Und gestern ist die Wasserversorgung  ausgefallen, konnte aber vom Mann für alles, Sayed, wieder zum Laufen gebracht werden. Heute war schon wieder für eine halbe Stunde kein Wasser da und nun kommt angeblich Nilwasser aus dem Hahn und kein Leitungswasser. Das Problem liegt bei der städtischen Wasserversorgung. Gut haben wir in der Küche so einen professionellen Bürowasserspender für Trinkwasser. Aber natürlich muss unser guter Sämmän jede 20 L- Flasche auf seiner Schulter vom Fährbötchen zum Haus buckeln. Wir sind alle enorm dankbar, dass er das macht.