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Schon seit mehr als 3 Monaten bin ich jetzt in Kairo und mein Projekt hat sich zu einer Idee für ein Werk entwickelt. Ich werde die Farben mit einer typischen, orientalischen Form zusammenbringen. Es soll eine grosse Arbeit werden, die schlussendlich einen Raum füllen wird, wenn alle Stücke fertig sind - was natürlich wieder mal mehrere Jahre dauern kann. Mehr sage ich an dieser Stelle nicht dazu, aber ich baue an einem Prototypen in der Papiermanufaktur. 

Mein "Arbeitsweg" dauert ca. eine Stunde. Unterwegs bin ich mit dem Fährbötchen über den Nil, zu Fuss zur Metrostation, ich wechsle im Stadtzentrum die Linie und fahre nochmals 4 Stationen weiter ins koptische Viertel und von da gehe ich wieder zu Fuss zur Papiermanufaktur. 

Metro fahren ist ein Erlebnis der anderen Art und sehr physisch. Jeder Zug hat 2 Wagen, die für Frauen reserviert sind und ich steige immer da ein. Wehe es verirrt sich mal ein Mann in diese Wagen! Sobald er es bemerkt, steigt er wieder aus, wenn's noch geht und sonst schaut er beschämt zu Boden bis zur nächsten Station. Ich verstehe ja die Kommentare der Frauen nicht, aber einige haben dann schon was zu sagen zu dem Mann!

Die Metrowagen sind so eingerichtet, dass den Seitenwänden entlang Sitzbänke angebracht sind. Ich glaube ein Wagen hat 4 Türen und dazwischen ziehen sich die Bänke hin auf denen 5 - 6 Personen Platz haben. Älteren Frauen und Müttern mit Kindern oder Ausländerinnen wird meistens bald ein Sitzplatz angeboten, ja manchmal werde ich geradezu genötigt mich hinzusetzen. Da sitze wir dann schon zu fünft auf Tuchfühlung nebeneinander und an der nächsten Station kommt noch eine der fülligen Aishas oder Laylas dazu und quetscht sich auch noch auf die Bank. Alle ruckeln ein bisschen zurecht, machen sich irgendwie schmaler oder dünner und, oh Wunder, die 6. Frau hat auch noch Platz. Falls jemand nicht sitzen kann ist es auch üblich, der vor einem sitzenden Frau die Tasche auf die Knie zu legen oder das Kind kurz zu übergeben, wenn in der Tasche nach etwas gegraben werden muss.

Das verrückteste ist es aber, wenn man zu Stosszeiten fahren muss. Der Bahnsteig ist voller Leute und die Wagen "scheinen" bereits proppenvoll zu sein. Wenn sich die Türen öffnen steigen bei jeder Türe vielleicht 10 Personen aus und gleichzeitig quetschen sich je 20 in den Zug. Manchmal, wenn ich bei El - Nafeza bleibe bis Ladenschluss um 16.30 Uhr, gerate ich in diese sehr physische Erfahrung. Da werde ich dann von hinten kräftig in den Wagen geschoben, muss mich zwischen denen die da drin schon dicht gedrängt stehen durchquetschen und noch versuchen einen Haltegriff zu erwischen. Da stehe ich dann vielleicht auf nur einem Fuss, an mich gedrängt füllige Pos, im Genick eine Tasche und an den Rücken gequetscht einen Busen. Wenn der Zug losfährt muss er meist noch mal kurz und ruckartig bremsen. Die Fahrgäste werden kräftig geschüttelt und plötzlich haben alle ihren Platz. Ich habe schon überlegt, ob die das extra machen. Wenn man ja z. B. Reis in ein Glas füllt und dann ein bisschen schüttelt, arrangieren sich die Körner so, dass noch mehr Reis Platz hat in dem Glas.

Jetzt gibt es natürlich auch heikle oder difficile Dinge die transportiert werden müssen - z. B. Torten in ihren Schachteln oder neugeborene Babies. Die Tortenschachteln werden auf dem nach oben gestreckten Arm über den Köpfen gehalten. Das kann frau mit diesen Kleinstkindern natürlich schlecht auch so machen (Kinder werden ja generell auf dem Arm getragen, Kinderwagen habe ich hier noch nie gesehen). Also schreit die Mutter lauthals, dass man acht geben soll, während sie sich ebenfalls in den Zug quetscht und das Baby natürlich auch anfängt zu schreien weil ihm unwohl wird.  Nun ist also der Wagen total, total, total voll aber es fahren auch die fliegenden Händlerinnen mit. Man glaubt es nicht, aber die schaffen es sich zwischen den dicht an dicht stehenden Körpern hindurch zu schlängeln und ihre Waren zu präsentieren. Wobei sie diese mit durchdringender Stimme auch lautstark anpreisen. Wenn dann so eine Händlerin neben mir losbrüllt, zerfetzt es mir jeweils fast das Trommelfell.

Es hat auch immer wieder mal Frauen, die sich auf den Boden hocken. Mit dem Rücken lehnen sie an den Türen gegenüber der Ein- und Aussteige-Seite. Das Beste, was ich bisher in dieser Hinsicht gesehen habe war eine alte Frau welche in ihrem grossen, flachen Aluminiumbecken sass, in welchem sie Waren transportiert hatte und das jetzt leer war. Diese Becken haben so 80  bis 100 cm Durchmesser und werden samt Inhalt auf dem Kopf balanciert.

Und manchmal ists einfach Afrika! Einmal, als die Metro nicht so voll war, sassen eine Gruppe schwarz gekleideter Frauen und einige Kinder im Kreis, schwatzten und knabberten Sonnenblumenkerne, wie vor dem Zelt in der Wüste. Die Schalen der Kerne spuckten sie in die Gegend und nachdem sie ausgestiegen waren sah es aus wie auf einem verlassenen Lagerplatz. 

Wenn ich eins gelernt habe in Kairo, dann ist es mich beherzt in den Zug zu drängeln. Tu ich's nicht, bin ich verloren und würde wohl eine Stunde später nach Hause kommen.

Ich habe, unauffällig versucht die dicht an dicht wartenden Fahrgäste zu fotografieren. Es ist nämlich strengstens verboten in den Metrostationen Fotos zu machen. Vor einigen Jahren sei ein SKK-Stipendiat eingebuchtet worden, weil er das tat - hat mir Sämän erzählt. Sämän ist unser männliches "Mädchen" für alles. Er musste dann zur Polizei und, mit einer Message der Botschaft, den Künstler wieder auslösen.